Ein Weihnachtsklischee-Massaker

Wenn etwas sicher ist, dann dass es einen Tag im Jahr gibt, der den schönen Titel „24. Dezember“ trägt. Heißt: Weihnachten erwischt uns alle – alt und jung, Atheisten und Christen, Wein- und Biertrinker. Also her mit der passenden Story!

Nr. 6

Als der junge Wirt das »Alte Bethlehem« vom Vater übernahm, beäugten die Leute im Dorf misstrauisch, wohin der neue Kapitän die Hausbrauerei steuern würde. Und tatsächlich: Lukas fuhr zwar fort, wie schon Generationen vor ihm das helle Schankbier zu brauen, für das die Gaststätte im weiten Umkreis berühmt war. Doch vier Wochen vor Weihnachten geschah, womit alle gerechnet hatten: Lukas reichte das erste IPA, das er höchstselbst kreiert hatte, über den Tresen.

Natürlich meckerten und motzen alle, doch als die ersten vorwitzigen Nasen probiert hatten, schlug die Stimmung um ins Gegenteil und Lukas musste zusehen, wie er den explodierenden Bedarf befriedigen könnte. Da wurde ihm im Schlafe eine Idee zuteil und er tat am 4. Advent mit einer Stimme, die klang wie Posaunen und Halleluja-Chöre, folgende Verkündigung: Nur noch jenen, die wie Brüder in Frieden und Liebe miteinander trinken würden, werde dies auserwählte Bier gereicht, an einem besonderen Tisch, welcher in der niedrigen Gaststube stand und fürderhin »der Stall« heiße. Und der Name des Craft Beers aber lautete »Peace & Love« und enthielt über 8% Alkohol.

Bald lagen sie alle sich in den Armen. Der Bauer Ochs und der Schmied Esel, welche vierzig Jahre eines verliehenen und nicht wieder aufgetauchten Schraubenschlüssels wegen im Clinche gelegen hatten; der Förster Hirte, der dem Wilderer Krippe verzieh, welcher wiederum dem Waidmann die andere Backe seines Gesäßes hinhielt, in welche noch keine Ladung Schrot eingerauschet ward; sowie die Drillinge der Familie König entstammend – Kaspar, Melchior und Balthasar ihre Namen – die sich mit dem Dorfschulmeister Herodes nach unzähligen verbalen Scharmützeln über das Recht einigten, ihre Autos vor dem Gartenzaun des Altlateiners abstellen zu dürfen.

Die ganze Gesellschaft weinte vor Glück und Trunkenheit, Harmonie kehrte ein ins Dorf, indem jedweder Streit beigelegt und vom dreifach gehopften Trank hinfort gespület ward. Seit jener Zeit war dies ein fester Brauch und wurde alljährlich wiederholt im Dorfe, das da »Weihnachten« hieß! Bis in alle Ewigkeit, Prost und Amen.

aus: „Unser täglich Bier gib uns heute“, ein Almanach mit 366 Geschichten über’s Bier (von 31 Autor*innen), Tredition Selfpublishing Verlag, 2020.


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